Abtauchen in den Archiven

Die Archivrecherche kann kosten- und zeitintensiv sein, sie ist oft mit einer weiten Anreise verbunden und vor Ort hat man dann oft nur zeitlich und inhaltlich begrenzten Zugang zu dem Archivmaterial. Dementsprechend sinnvoll kann es sein, sich im Vorfeld genau zu überlegen, welche Bestände für die Forschung am wichtigsten sind. In vielen Archiven gibt es Online Findbücher zum Dokumentenbestand, manchmal auch die Möglichkeit diese Unterlagen vorab schon zu bestellen. In einigen Archiven ist es zudem erlaubt, Dokumente zu photographieren. In diesem Fall kann man die Unterlagen im Archiv nur oberflächlich sichten, alle evtl. potentiell relevanten photographieren und diese dann erst später und in Ruhe auswerten. Denn „nach der Recherche ist vor der Recherche.“ Man weiß manchmal zu Beginn einer Recherche noch nicht genau, welche Bestände später für das aktuelle Projekt oder folgende Forschungen wichtig sein werden. Dementsprechend gilt bei Informationen und Dokumenten immer „Mehr ist Mehr“. Ein umfangreicher, eigener Dokumentbestand erfüllt auch einem weiteren Zweck: Die Forschung lebt vom Austausch und dem Teilen von Wissen und Informationen mit anderen Forschern. Diese anderen sind meist naturgemäß Jäger und Sammler von Informationen für Ihr Interessensgebiet. Es fördert den regen Austausch untereinander ungemein, wenn man auch inhaltlich etwas dazu beitragen und Informationen zur Verfügung stellen kann.

Militärarchive

Der mit Abstand größte Teil aller Flugzeugwracks stammt aus den Zeiten des zweiten Weltkrieges. Dementsprechend relevant sind daher die Archiv-Bestände der an diesem Krieg beteiligten Länder. Dort findet man aber nur die Informationen, die von den dafür Verantwortlichen bei den militärischen Einheiten und Behörden im Rahmen der jeweils persönlichen, technischen und politischen Möglichkeiten erfasst worden sind. Anders ausgedrückt:   

 

 

 

 

 

1: Was konnte er wissen?
Wann und wie sind die Informationen zu einem Flugzeugverlust oder Abschuss entstanden?
Was und wieviel wusste man vor Ort über den Vorgang. Häufig nur eines: „Vom Feindflug nicht zurückgekehrt“ oder „Über See vermisst“. 
In vielen Fällen gab es eine ungenaue oder fehlerhafte Vorabmeldung, diese wurde dann manchmal  erst später oder auch nie ergänzt oder korrigiert.

Wie wurden die Informationen übermittelt und erfasst.
Besonders die verbale Übermittlung über Telephon oder Funk bietet hier einiges Potential an Fehlermöglichkeiten, wie auch die handschriftliche Erfassung. Besonders Interessant sind hier die teilweise eher phonetisch ähnlichen wie korrekten Ortsangaben. 

2: Was durfte er hören?
Angaben zur Ursache eines Absturzes
Aus sehr verständlichen Gründen wurden bei selbstverschuldeten Abstürzen oft als Ursache „Technische Probleme“ gemeldet.

Und 3: Was musste er wie aufschreiben?
Informationen und Anerkennungen von Abschüssen
Gerade in diesem Bereich gibt es mitunter große Abweichungen wenn man die Angaben von Verlusten und Abschüssen eines Tages in den Unterlagen der Kriegsgegner vergleicht. 

Abgleich mit anderen Quellen
Für die Forschungen zu Flugzeugabstürzen kann das vor allem bei den militärischen Unterlagen verschiedene Auswirkungen hinsichtlich der Qualität der Informationen haben. Wenn man sich intensiver mit diesem Thema beschäftigt, wird man zwangsläufig früher oder später mit diesen Problemen konfrontiert, versucht zwischen den Zeilen zu lesen, die Informationen mit anderen Quellen und Dokumenten abzugleichen und zu ergänzen. Dieser Abgleich ist aber gerade bei den Unterlagen der Luftwaffe sehr schwierig. Die meisten Dokumente haben den Krieg nicht überlebt. Sie wurden bei den verschiedenen Rückzügen zurückgelassen oder vernichtet, bei Bombardierungen zerstört und ein großer Teil kurz vor Ende des Krieges noch verbrannt, der Rest von den Alliierten beschlagnahmt und erst später teilweise an das heutige Bundesarchiv zurück übergeben. Ergänzen kann man den unvollständigen Bestand des Militär-Archives manchmal mit anderen Informationen aus den Beständen der WASt, dem DRK Suchdienst und dem Volksbund. 

Zeitzeugen
Zeitzeugen sind, bzw. waren, eine weitere wichtige Quelle. Viele Flugzeugbesatzungen haben den Krieg nicht überlebt und die ohnehin sehr geringe Zahl der heute noch lebenden Piloten wird täglich geringer. Sehr bald werden nur noch ihre „überlieferten“ Erzählungen, private Aufzeichnungen und Unterlagen zur Verfügung stehen. 

 

 

Publikationen
Es gibt sehr gute Bücher über bestimmte Kriegsschauplätze oder spezielle Einheiten, wie zum Beispiel manche Geschwader-Chroniken. Hier wurden von Forschern oder Veteranen oft jahrelang alle Informationen zu einem bestimmten Thema aus Archiven, sonstige Unterlagen und Berichte von Zeitzeugen zusammengetragen und akribisch ausgewertet und zusammengestellt. Auch die dort enthaltenen Quellen-Angaben sind mitunter sehr hilfreich. Die meisten dieser Bücher hatten jedoch nur eine kleine Auflage und sind nur antiquarisch zu beschaffen.

Private Sammlungen
Es gibt viele nützliche Informationsquellen, die sich nur in Privatbesitz oder in privaten Sammlungen befinden. Darunter fallen zum Beispiel Photoalben oder Flugbücher.

 

 

 

 

Unternehmensarchive
Für die Bestimmung und Identifikation von Flugzeugteilen benötigt man die technische Informationen und Unterlagen zu einem Flugzeugtyp oder Bauteil des Herstellers: Bauteillisten, Technische Angaben, Wartungsanweisungen, Produktionsdaten…

 

 

 

 

 

Das Internet
Neben einigen, mitunter sehr guten und auf das Thema Flugzeugforschung spezialisierten Webseiten und Foren kann man hier vor allem bei einer der wichtigsten Frage schnell fündig werden: Wer ist ein Experte für ein ganz bestimmtes Themenfeld. Wer könnte einem bei den Forschungen mit seinem Wissen helfen, weitere Quellen nennen oder Unterlagen, Photos und Dokumente zur Verfügung stellen. Unter diesem Aspekt bewundere ich besonders die Forscher aus der „Vor-Internet-Zeit“. Wie schwer es gewesen sein muss, Kontakte mit anderen spezialisierten Forschern herzustellen, überhaupt zu Wissen das es welche gibt, und wie aufwendig und langwierig es dann war, Informationen auszutauschen. 

Ein „Blick über den Zaun“
Bedingt durch meinen lokalen Interessenschwerpunkt „Bayerische Seen“, Südfrankreich und Italien entstand zwangsläufig eine Spezialisierung und Fokussierung auf die Erforschung deutscher Flugzeugwracks. Dementsprechend liegt auch der Schwerpunkt meiner Rechercheerfahrung auf deutschen Archiven und all den damit verbundenen und hier kurz angerissenen Schwierigkeiten. Bei meinen wenigen Forschungen zu amerikanischen Flugzeugwracks bin ich, aus forscherischer und Informationsqualitäts bezogener Sicht, immer wieder positiv überrascht worden, wie einfach alles voran gehen kann, wenn die benötigten Informationen einfach und umfänglich zur Verfügung stehen. Die Recherche in den National Archives ist unkompliziert, der Umfang an Dokumenten und die Detailtiefe ist enorm. Viele Unterlagen sind zudem auch Online verfügbar. 

 

Fazit
Im Idealfall hat man am Ende der Recherche Informationen aus allen möglichen Quellen zusammengetragen: Offizielle Dokumente aus verschiedenen Archivbeständen, Berichte, Artikel, Zeichnungen, Pläne, Photos und Zeitzeugenberichte. Und wenn man etwas Glück hat, stimmen alle diese Informationen in den wesentlichen Punkten überein und ergänzen sich gegenseitig. Wie bei einem Puzzle entsteht so ein detailliertes Bild von der Geschichte des Flugzeugwracks und seiner Besatzung im historischen Kontext..